05.01.2016 | 15 Kinder werden inklusiv beschult

Schulleiter, Lehrer und Eltern berichten von ihren Erfahrungen an der Längenfeldschule

Lerngruppenleiterin Judith Mößle (von links), die stellvertretende Schulleiterin der Schmiechtalschule, Ute Brandenburg und Nadine Daskalidis als Begleiterin sprechen sich beim Unterrichtsplan für die Fünftklässler eng ab, um allen Kindern gerecht zu werden. (Foto: SZ- meni)

15 Kinder durch alle Jahrgangsstufen hinweg werden in diesem Schuljahr an der Längenfeldschule in Ehingen inklusiv beschult. Von der neuen gesetzlichen Regelung, die das nun ermöglicht, machten die Eltern regen Gebrauch, hat Schulleiter Max Weber festgestellt. Lehrerinnen, Schulleiter und die Eltern eines Fünftklässlers erzählen von ihren Erfahrungen mit Inklusion.

Für Michaels Eltern (Namen geändert) kam für ihren Sohn nie etwas anderes als eine Regelschule in Frage. Michael hat Anspruch auf sonderpädagogische Unterstützung und könnte auch in der Schmiechtalschule, einem sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit den Förderschwerpunkten geistige, körperliche und motorische Entwicklung lernen. Seit Herbst wird Michael aber an der Längenfeldschule nicht nur von Judith Mößle, sondern auch von Ute Brandenburg, der stellvertretenden Leiterin der Schmiechtalschule, unterrichtet. Zusätzlich kümmert sich Nadine Daskalidis um Michael und die anderen inklusiv beschulten Kinder dieser fünften Klasse der Gemeinschaftsschule. „Für uns ist die Gemeinschaftsschule aktuell die einzige Schule, die Differenzierung möglich macht“, sagen die Eltern und Schulleiter Max Weber ergänzt: „Hier wird individuelles Fördern möglich. Statt nur einer Schulart integrieren wir in den Klassen nun drei bis sechs Schularten.“ Doch aktuell finde man sich noch in das Thema hinein. „Den Königsweg haben wir noch nicht gefunden.“

Zusätzlich zur Lerngruppenleiterin Judith Mößle ist auch Ute Brandenburg 14 Stunden pro Woche in der fünften Klasse. Teamarbeit ist hier sehr wichtig. „Die Bereitschaft zur Inklusion muss da sein, Frontalunterricht geht einfach nicht“, sagt Ute Brandenburg, die für die inklusiv beschulten Kinder spezielle Aufgaben, angelehnt an den regulären Lehrplan, erarbeitet. Jedes Kind mit „Handicap“, wie Michaels Mutter es beschreibt, hat dabei seine eigenen Anforderungen. Klärt eines stundenlang, was alles rund ist, lernt Michael fast in allen Bereichen dasselbe wie seine Klassenkameraden. „Meist sprechen wir Lehrerinnen uns freitags über den Stoff der kommenden Woche ab. Ich kürze und vereinfache dann die Materialien nach Bedarf oder entwickle selbst passende Aufgaben“, erklärt die Sonderpädagogin die Herangehensweise. Sind die Kinder beschäftigt, kümmert sie sich aber auch um alle anderen Kinder in der Klasse. „Denn auch die anderen sind ja nicht alle auf einem Level. Da ist es geschickt, wenn man zu zweit oder sogar zu dritt in der Klasse ist“, sagt Judith Mößle. So würden dann auch alle Kinder der Klasse vom Thema Inklusion profitieren. Zusätzlich begleitet Nadine Daskalidis die Kinder 30 Stunden pro Woche in den Pausen, gibt ihnen Sicherheit und Orientierung, wenn sie es brauchen. „Ist die Sonderpädagogin nicht vor Ort, bin ich quasi die dritte Lehrkraft“, sagt sie. So seien die Kinder nie alleine.

Eng einbezogen werden aber auch die betroffenen Eltern, die mit den Lehrern gemeinsam Förderziele für die Kinder erarbeiten. Für Michael ist eines dieser Ziele beispielsweise, neue Kontakte zu knüpfen, Ziele hat der Junge aber auch im Fach Mathematik. „Unser Sohn hat sich sehr positiv entwickelt“, haben Michaels Eltern festgestellt. Viele hätten dem Jungen früher nicht zugetraut, dass er mal lesen und schreiben kann. Heute hält er in sehr vielen Bereichen mit seinen Mitschülern mit. „Wir wollen, dass er behandelt wird, wie alle anderen Kinder auch. Er muss sich entwickeln können“, machen seine Eltern klar, die es leid sind, dass sie oft argumentieren oder begründen müssen. „Inklusion muss selbstverständlich werden“, fordern sie. Für Schulleiter Max Weber gehören die Kinder bereits zum Ganzen. Erhöhte Konfliktsituationen habe es nicht gegeben, eher erhöhte Rücksicht seitens der anderen. „Aber es funktioniert auch, weil wir in der Gemeinschaftsschule vom gymnasialen Niveau bis zum Sonderbedarf alle Schüler unterrichten und fördern.“

(von Nina Merkle, Schwäbische Zeitung, 05.01.2016)